Seit 1986 führen Sozialwissenschaftlerinnen der Universitäten Graz, Linz, Salzburg und Wien sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Umfragen den Sozialen Survey Österreich (SSÖ) durch, mit dem Ziel, Einstellungen und Wertorientierungen der Österreicher*innen festzuhalten. Der Fragebogen besteht aus den Jahresmodulen des International Social Survey Programme (ISSP), die in ungefähr 45 Ländern erhoben werden, und aus einem nationalen Teil. Die Erhebungen beruhen auf repräsentativen Stichproben der österreichischen Wohnbevölkerung ab 16 Jahren. „Dadurch sind sowohl Zeitvergleiche innerhalb Österreichs als auch internationale Vergleiche möglich. Die Daten werden nach wissenschaftlichen Standards aufbereitet und über AUSSDA (The Austrian Social Science Data Archive) sowie GESIS (Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften) für Forschung, Lehre und öffentliche Diskussion zugänglich gemacht. Damit stellt der SSÖ eine wichtige sozialwissenschaftliche Forschungsinfrastruktur dar“, erklärt Markus Hadler. Er ist am Institut für Soziologie und am Center for Social Research (beide an der Universität Graz angesiedelt) tätig und leitet derzeit den Sozialen Survey Österreich (SSÖ).
Investieren oder sparen?
In einer aktuellen Umfrage ging es darum, wofür der Staat Geld ausgeben soll – und wo eher gespart werden kann. „Die aktuellen Daten des Sozialen Survey Österreich (SSÖ) zeigen eine klare Priorität für klassische Kernbereiche des Wohlfahrtsstaates: Gesundheit, Bildung und Pensionen“, sagt Markus Hadler. Auffällig ist, dass die Ausgaben für Bildung relevanter wahrgenommen werden, als es noch Mitte der 1980er Jahre der Fall war. „Auch Gesundheit bleibt ein Bereich, in dem viele Befragte mehr staatliche Mittel wünschen oder zumindest keine Kürzungen akzeptieren würden.“ Hinsichtlich potenzieller Einsparungen gibt es zwar keine klaren Mehrheiten bei den Befragten, jedoch zeigen sich ein paar Bereiche, in denen die Bereitschaft zu zusätzlichen Ausgaben schwächer ist – etwa bei der Arbeitslosenunterstützung, Kultur oder einzelnen Sicherheits- und Verteidigungsausgaben. „Wichtig ist: Das bedeutet nicht automatisch, dass die Bevölkerung dort mehrheitlich kürzen will, sondern eher, dass andere Bereiche höhere Priorität haben. Es werden aber vor allem jene Bereiche genannt, die bereits niedrig finanziell ausgestattet sind.“
Alter, Geschlecht, Bildung
Ältere Befragte priorisieren stärker die Themen Pensionen und Gesundheit, jüngere Personen eher Bildung, Umwelt und Kultur. Nicht nur das Alter, sondern auch der Bildungsgrad spielt eine Rolle: „Höhergebildete Befragte sprechen sich häufiger für Bildung, Umwelt und Kultur aus, während bei niedrigerer Bildung soziale Absicherung, Pensionen, Gesundheit und teilweise Sicherheitsfragen stärker im Vordergrund stehen.“ Geschlechterunterschiede sind weniger stark ausgeprägt als Unterschiede nach Alter, Bildung und politischer Orientierung. Bei den Parteipräferenzen zeigt sich im Mitte-rechts-Spektrum ein stärkerer Fokus auf Polizei und Verteidigung, im Mitte-links-Spektrum eher auf Bildung, Umwelt und Kultur.
Im Vergleich zu 1986, als der Soziale Survey Österreich (SSÖ) erstmals durchgeführt wurde, hat sich die Relevanz dieser Politikfelder aber insgesamt stark verändert: „Damals stand Umwelt gerade hoch im Kurs: 1986 sprachen sich 73 % für höhere Umweltausgaben aus. Das passt gut in den Kontext der Zeit, etwa Tschernobyl und die starke Politisierung ökologischer Fragen. In der aktuellen Erhebung ist die Zustimmung zu höheren Umweltausgaben gesunken, während jene zu höheren Verteidigungsausgaben gestiegen ist. Auch dieses Ergebnis steht im Einklang mit den gegenwärtigen öffentlichen Debatten. Bemerkenswert ist zudem, dass sich heute deutlich mehr Befragte für höhere Bildungsausgaben aussprechen als 1986. Die Zustimmung zu einem Ausbau der Bildungsausgaben ist damit aktuell wesentlich stärker ausgeprägt.“ Insgesamt zeigt sich, dass Österreich ein Land ist, in dem es hohe Erwartungen an staatliche Verantwortung gibt. „Zugleich unterscheiden Österreicher*innen heute stärker nach konkreten Politikfeldern als nach einer allgemeinen Formel à la ‚mehr‘ oder ‚weniger‘ Staat“, so Markus Hadler.




