Kinder und Jugendliche, die aufgrund von Vernachlässigung oder Gewalt durch ihre Herkunftsfamilien nicht bei diesen leben können, werden in Österreich bis zu ihrer Volljährigkeit in außerfamiliärer Betreuung untergebracht – 61 % davon leben in sozialpädagogischen Einrichtungen, 39 % bei Pflegefamilien. In seltenen Fällen kann diese Betreuung zwar verlängert werden, größtenteils endet sie aber mit der Volljährigkeit und die Jugendlichen sind dann auf sich alleine gestellt. In der Forschung nennt man Personen, die solche Betreuungseinrichtungen mit 18 Jahren verlassen müssen, Care Leaver. Der Kontakt der Care Leaver zu ihren Herkunftsfamilien ist entweder nicht vorhanden oder meist belastend. „Bei den betroffenen Familien zeigt sich eine überdurchschnittliche Armutsbelastung, die mit Verschuldung und Wohnungsproblemen einhergehen kann. Die Eltern sind in vielen Fällen getrennt lebend; häufig gibt es Suchtprobleme und psychische Erkrankungen der Eltern“, sagt Stephen Sing über die Familien der Care Leaver. Er ist Professor für Sozialpädagogik an der Universität Klagenfurt (in Ruhestand) und führte kürzlich – gemeinsam mit Kolleg*innen – eine Studie über deren Situation durch.
Frühe Selbstständigkeit
In dieser gingen die Forscherinnen der Frage nach, wie familiäre Bindungen die Care Leaver bei ihrem Start ins selbstständige Leben prägen. Dazu befragten sie 41 Care Leaver im Alter von 18 bis 27 Jahren. Die Forscherinnen konnten zeigen, dass die Eltern im Leben der Care Leaver eine weniger wichtige Rolle spielen, wichtiger sind Freundschaften, Geschwister oder ehemalige Betreuer*innen. Die Studie zeigte ebenso, wie präsent die gängigen Vorstellungen an Mutter- bzw. Vaterschaft weiterhin sind, sodass die Care Leaver oft angehalten werden, Kontakt zu Mutter/Vater zu halten, selbst wenn diese Beziehungen meist schwierig oder gar schädlich sind. Junge Menschen, die bei ihren Familien aufwachsen, ziehen in Österreich im Durchschnitt erst mit 25,3 Jahren aus dem gemeinsamen Haushalt aus, Care Leaver sind also durchschnittlich um sieben Jahre früher selbstständig. Kein einfaches Unterfangen, denn somit fehlt Care Leaver meist der emotionale Rückhalt. „Care Leaver sind zum Beispiel darauf angewiesen, ihren eigenen Lebensunterhalt zu sichern, was den Erwerb höherer Bildung erschwert. Verschiedene Sozialleistungen wie Sozialhilfe bzw. Mindestsicherung, Studienstipendien und Krankenversicherung sind an die Mitwirkung der Eltern gebunden. Da der Kontakt zu den Eltern häufig schwierig ist, erhalten viele Care Leaver keine entsprechenden Sozialleistungen“, so Sting.
Keine gesetzliche Verankerung
Viele Care Leaver haben mit psychischen Problemen zu kämpfen. Sie erhalten zwar ggf. Therapie im Rahmen der Jugendhilfebetreuung, aber nach dem Ende dieser Betreuung wird die Therapie meist abgebrochen – und der Zugang zu kostenfreien Therapien ist nur schwer möglich. Zudem berichten die Care Leaver häufig von einem Gefühl der Einsamkeit und Isolation, nachdem die Betreuung zu Ende ist. Es ist daher problematisch, dass Unterstützungen für Care Leaver in Österreich gesetzlich nicht verankert sind, sondern lediglich sporadisch und regional unterschiedlich bestehen. „In Kärnten gibt es Care Leaver-Anlaufstellen, die Beratung, Begegnung und Unterstützung anbieten. Zum Teil gibt es von einzelnen Jugendhilfeträgern – wie SOS Kinderdorf und Pro Juventute – ähnliche Anlaufstellen, in Wien wird versucht durch Beratungsgutscheine Unterstützung zu gewähren. Zudem hat sich der Verein Care Leaver Österreich als Selbstvertretungsorganisation etabliert.“
Bessere Unterstützung
Stephan Sting betont, dass eine gesetzlich geregelte Möglichkeit, um die Jugendhilfebetreuung zu verlängern, nötig wäre, um Care Leaver auch nach ihrer Volljährigkeit besser zu unterstützen. „Dazu gehört die Möglichkeit der Rückkehr in die Betreuung, wenn sich Schwierigkeiten bei der Bewältigung des eigenständigen Lebens ergeben. Dies ist derzeit gesetzlich ausgeschlossen.“ Darüber hinaus braucht es ein österreichweites Gesetz, das die Unterstützung nach dem Betreuungsende verbindlich regelt und einen Zugang zu Unterstützungsangeboten schafft. „Besonders relevant ist auch die finanzielle Unterstützung von Selbstvertretungsorganisationen wie dem Verein Care Leaver Österreich, die deren Anliegen eine Stimme geben und vielfältige Unterstützungsarbeit leisten“, so Stephan Sting.




