Darmgesundheit ist in: So scheint es zumindest, wenn man an Bestseller wie „Darm mit Charme“ denkt und sieht, wie zahlreiche Content Creator für Nahrungsergänzungsmittel werben. Natürlich beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit dem Darm und seinen Mikroorganismen. Immer öfter stößt man dabei auf den Begriff Darmmikrobiom. Darunter versteht man alle Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze und Viren, die unseren Darm besiedeln, erklärt Thomas Karner vom Institut für Psychologie der Kognition, Emotion und Methoden der Universität Wien. „Das Darmmikrobiom unterstützt viele wichtige Funktionen im Körper. Es hilft bei der Verdauung, besonders beim Abbau von Ballaststoffen. Dabei entstehen Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren, die unter anderem für die Darmgesundheit, den Stoffwechsel und die Regulation des Immunsystems wichtig sind. Außerdem steht das Darmmikrobiom in enger Wechselwirkung mit der Darmbarriere, dem Immunsystem, dem Nervensystem und dem Gehirn.“ Dabei sollte man das Darmmikrobiom nicht als eine einzelne Einheit mit nur einer Funktion verstehen, sondern eher als „komplexes Ökosystem“, wie Thomas Karner es nennt. „Dieses Ökosystem interagiert mit uns als Wirt, aber auch mit Ernährung, Lebensstil, Immunsystem, Genetik, Stress und vielen weiteren Faktoren.“
Stressreaktivität und Darmmikrobiom
Gemeinsam mit Kolleginnen führte er kürzlich eine Studie über das Darmmikrobiom und den Zusammenhang mit Stressreaktivität durch, also dazu, wie stark die Stressreaktion nach akutem Stress in kurzer Zeit ansteigt. In der Studie erhielten die Teilnehmerinnen ein Kit, mit dem sie zu Hause eine Stuhlprobe sammeln konnten. Danach führten sie Aufgaben – wie Rechenaufgaben unter Zeitdruck – durch. Die Reaktion auf den Stress maßen die Forscherinnen auf zwei Arten: Einerseits sammelten sie Speichelproben, um das Stresshormon Cortisol zu messen, andererseits gaben die Teilnehmerinnen an, wie gestresst sie sich fühlten. „Eine akute Stressantwort kann man in zwei Phasen einteilen: Stressreaktivität und Erholung. Die Stressreaktivität beschreibt, wie stark Cortisol oder das subjektive Stressempfinden nach dem Stressfaktor ansteigt. Im Gegensatz dazu beschreibt die Erholungsphase, wie schnell sich diese Reaktion danach wieder in Richtung Ausgangsniveau bewegt.“ Die Forscher*innen konnten zeigen, dass die Vielfalt der Darmbakterien und deren Kapazität, bestimmte Stoffwechselprodukte wie Butyrat herzustellen, mit einer stärkeren Reaktion auf eine akute Stresssituation zusammenhängen. „Eine akute Stressreaktion kann hilfreich und adaptiv sein, wenn sie zeitlich begrenzt und gut reguliert ist. Der Körper muss bei einer Herausforderung oder Bedrohung Energie mobilisieren und sich an die Situation anpassen. Unsere Ergebnisse deuten daher darauf hin, dass eine höhere Diversität des Darmmikrobioms, also eine größere Vielfalt und ausgewogenere Verteilung verschiedener Bakteriengruppen, mit einer flexibleren akuten Stressreaktion zusammenhängen könnte.“
Lebensstil auch wichtig
Das Darmmikrobiom lässt sich über den Lebensstil beeinflussen, vor allem über die Ernährung: „Am besten geeignet ist eine ballaststoffreiche und vielfältige Ernährung mit vielen pflanzlichen Lebensmitteln, zum Beispiel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und Samen. Auch fermentierte Lebensmittel können sinnvoll sein.“ Zudem spielen weitere Faktoren – wie Bewegung, Schlaf, Stress und ein vorsichtiger Umgang mit Antibiotika – eine Rolle. Noch weiß man nicht, ob es spezifisch ein „stressresilientes“ Mikrobiom gibt. Auch ist nicht gesichert, ob man sein Darmmikrobiom – ähnlich wie einen Muskel – gezielt im Hinblick auf Stress trainieren kann, und es gibt noch keine allgemein akzeptierte Definition dafür, wie die Zusammensetzung eines „gesunden“ Darmmikrobioms aussieht.




