Rund zwei Drittel aller Menschen in Österreich leiden an chronischen Erkrankungen – etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Krankheiten – und jede*r zweite Patient*in verfügt über eine nur eingeschränkte Gesundheitskompetenz (Quelle: Gesundheitsbericht 2024 des Bundesministeriums Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz). Es besteht Handlungsbedarf: Menschen müssen besser – und individueller – über ihre eigene Gesundheit informiert werden. Oft gibt es im Alltag einer Arztpraxis oder eines Krankenhauses jedoch zu wenig Zeit und Informationen, die verteilt werden (wie zum Beispiel Broschüren), sind nicht auf die einzelnen Patient*innen zugeschnitten. Das möchten nun drei Universitäten – TU Graz (Institute of Visual Computing), Uni Graz (Institut für Psychologie) und Med Uni Graz (Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung) ändern: Sie entwickeln ein adaptives Informationssystem, das sich an jede Person anpasst.
Adaptives System
Adaptive Systeme sind intelligente Technologien, die sich selbstständig und in Echtzeit an ein verändertes Nutzverhalten anpassen können. Das gerade entwickelte System trägt den Namen A+CHIS, das steht für Adaptive Consumer Health Information System, und ist auf die Krankheit Diabetes mellitus Typ 2 zugeschnitten. Konkret entwickeln Projektleiter Tobias Schreck vom Institut für Visual Computing der TU Graz und seine Kolleg*innen eine Informationsplatttform, die auf jede*n einzelnen reagiert – so erkennt diese automatisch, wie lange ein/e User*in bei einem Themenpunkt bleibt und stellt Informationen unterschiedlich dar – zum Beispiel als einfache Schlagwortwolke, übersichtliche Infografik oder als vertiefenden Fachtext. Das System analysiert auch Mausbewegungen oder Scrollverhalten, um kognitive Überlastung frühzeitig zu erkennen und die Darstellung anzupassen. „Unser Ziel war es, medizinische Evidenz so zu vermitteln, dass sie wirklich verstanden wird und nicht nur gelesen“, erklärt Tobias Schreck.
Quellen
A+CHIS verwendet Large Language Models (LLMs). Das sind KI-Programme, die mit einer großen Anzahl an Texten trainiert wurden. ChatGPT, Gemini, LLaMA oder Claude sind bekannte Beispiele. An diesen kann problematisch sein, dass die Informationen, mit denen sie trainiert wurden, nicht stimmen bzw. dass die Programme Antworten halluzinieren – also Informationen herausgeben, die plausibel klingen, aber falsch sind. A+CHIS erhält nur geprüfte Informationen. So greift man etwa auf das Diabetes-Handbuch der deutschen Gesundheitskasse AOK als Quelle zurück, zudem kommen die Daten von den Expert*innen der Medizinischen Universität Graz.
A+CHIS
Gerade chronische Erkrankungen wie Diabetes haben verschiedene Phasen, in denen unterschiedliche Informationen relevant sind (wie etwa zur Insulintherapie), und die Patient*innen brauchen Begleitung, daher eignen sich adaptive Systeme wie A+CHIS besonders für diese Patient*innengruppen. Aktuell ist das System nicht für die Öffentlichkeit verfügbar, aber es erfolgten bereits Tests mit über 200 Personen. Diese reagierten positiv auf A+CHIS, dennoch braucht es weitere Tests, um herauszufinden, wie Menschen mit dem adaptiven System interagieren. Demnächst werden die Forschungsdaten und der Programm-Code öffentlich zugänglich gemacht, damit auch Forscher*innen anderer Universitäten darauf zurückgreifen können. Ob die drei Grazer Universitäten das Projekt – außerhalb der Grundlagenforschung – weiterverfolgen, ist noch unklar. Neben adaptiven Systemen gibt es zahlreiche weitere Möglichkeiten, um die Gesundheitskompetenz zu verbessern, etwa Patient*innenverbände und Selbsthilfegruppen. Es braucht also mehrere Möglichkeiten – und weitere Forschung wie die von Tobias Schreck und seinen Kolleg*innen – um die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu verbessern.




