Rund eine Million Arten und fast 50 Prozent der Sprachen sind weltweit vom Aussterben bedroht. Forscher*innen der Universität Wien gingen kürzlich in einer Studie der Frage nach, welche Tierarten und Sprachen weltweit vom Aussterben bedroht sind – und welche Gründe es dafür geben könnte. Die Expert*innen fanden einen wichtigen Grund: den europäischen Kolonialismus. Dieser erstreckte sich vom 15. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts: Zahlreiche Nationen – darunter Spanien, Portugal, UK, Frankreich und Deutschland – eroberten Länder, erbeuteten Rohstoffe und unterwarfen indigene Bevölkerungen. Diese Handlungen haben Auswirkungen – bis heute.
Umbrüche
Die Forscher*innen untersuchten Daten zu vom Aussterben bedrohten Tierarten sowie Sprachen und stellten fest, dass in Regionen mit intensiver europäischer Besiedelung noch heute mehr Tierarten und Sprachen gefährdet sind. Bernd Lenzner und Hannes Fellner: „Der Kolonialismus hat tiefgreifende ökologische und soziale Umbrüche ausgelöst.“ Die ökologischen Auswirkungen zeigen sich dadurch, dass Landschaften massiv umgestaltet wurden (etwa durch Plantagenwirtschaft), zudem litten Tierpopulationen (etwa durch die Einschleppung invasiver Arten). Auf sprachlicher Ebene wurden europäische Sprachen als dominante Sprachen in Verwaltung, Verkehr und Bildung etabliert – das führte dazu, dass Menschen ihre eigenen Sprachen aufgaben.
Zusammenhänge
Mit dem Ende der Kolonialherrschaft verschwanden diese Strukturen nicht. Ökonomie und Ökologie hängen hier stark zusammen: Koloniale Wirtschaftssysteme lebten vom Export von Rohstoffen und Agrarprodukten, das ging mit intensiver Landnutzung, Monokulturen und der Ausbeutung von Ressourcen einher – genau diese Strukturen finden sich noch heute in vielen ehemaligen kolonalisierten Ländern. „Das hat direkte ökologische Folgen, etwa den Verlust von Lebensräumen und Artenvielfalt. Gleichzeitig prägen diese ökonomischen Strukturen soziale Hierarchien und kulturelle Praktiken, etwa die Dominanz ehemaliger Kolonialsprachen in Verwaltung und Bildung“, so Lenzner und Fellner.
Inseln
Inseln sind besonders betroffen: Sie weisen häufig Tierarten auf, die nur dort vorkommen. Wenn solche Tierarten auf einer Insel aussterben, sind sie auch global ausgerottet. Zudem sind Inselökosysteme weniger stabil, sie sind kleinräumig und isoliert. Dies zeigt sich auch bei den Sprachen: Auf Inseln leben weniger Menschen, somit ist auch die Anzahl der Personen, die eine dort regional vorkommende Sprache sprechen, viel geringer. Solche Sprachen sind schneller gefährdet, auszusterben.
Heute
Heutige Entwicklungen – wie Globalisierung und damit die Dominanz weniger, aber mächtiger Staaten – begünstigen die Effekte des Kolonialismus. Ebenso hat die intensive Nutzung von Land und Ressourcen negative Auswirkungen auf die Biodiversität. Die Flucht in die Städte trägt ebenso dazu bei, dass Menschen zu dominanten Sprachen wechseln. Auch heute prägen wenige dominante (überwiegend westliche) Staaten Politik und Wirtschaft – viele dieser Staaten sind ehemalige Kolonialmächte. Obwohl sich diese Machtverhältnisse in den letzten Jahrzehnten etwas verschoben haben, bleiben die Mechanismen der Sprach- und Artgefährdung weitestgehend die gleichen. „Kriege, geopolitische Konflikte und wirtschaftliche Machtinstrumente können dazu führen, dass Staaten und Regionen in asymmetrische Beziehungen geraten. Solche Konstellationen beeinflussen wiederum, wie Land genutzt wird, welche Ressourcen ausgebeutet werden und welche ökonomischen Prioritäten gesetzt werden. Gleichzeitig verstärken globale Machtverhältnisse die kulturelle Dominanz weniger Sprachen. Man kann sagen, dass aktuelle Prozesse auf vielen Strukturen aufbauen, die durch den Kolonialismus geschaffen wurden, und diese weiter verstärken“, erklären Bernd Lenzner und Hannes Fellner.

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