Rund ein Prozent der Menschen in Österreich ist von Autismus betroffen. Meist zeigt sich die Diagnose durch drei zentrale Symptome: So tun sich Autist*innen schwer, soziale Interaktionen und zwischenmenschliche Beziehungen zu verstehen; oft können sie ihre und die Gefühle anderer schlecht erkennen bzw. benennen. Zudem ist ihre Sprache beeinträchtigt, bereits als Kind zeigen viele Besonderheiten in der Sprachentwicklung: Manchmal entwickelt sich ihre Sprache gar nicht oder nur verzögert, später im Leben verstehen sie etwa Ironie und Witze kaum. Zudem ist das Verhalten von Autist*innen oft geprägt von wiederholten, stereotypen Verhaltensweisen und Interessen: Sie können viel Zeit damit verbringen, immer gleich ablaufende Bewegungen verbringen und sie lieben Rituale und haben meist Angst vor Veränderung. Menschen, die Autismus und/oder andere Diagnosen wie ADHS oder Tourette haben, nennt man auch neurodivergent. Die Gehirne der Betroffenen funktionieren anders als die der Mehrheit der Bevölkerung. Das führt oft dazu, dass neurodivergente Menschen schneller im (Berufs-)Alltag an ihre Grenzen stoßen und überfordert sind bzw. schlechter von anderen verstanden werden uns als ‚anders‘ betrachtet werden.
Soziale Situationen üben
Forschende der TU Graz haben daher ein virtuelles Spiel entwickelt. SimVille soll Autist*innen bei der Bewältigung alltäglicher Situationen helfen, indem soziale Interaktionen geübt werden. Im Spiel können die Nutzer*innen alltägliche soziale Situationen, wie eine Bestellung im Lokal oder Menschen in einem Café zu treffen, erleben und – ohne Druck und Angst vor Konsequenzen – ausprobieren, welche Reaktionen möglich sind. „Bisher findet ein großer Teil der Unterstützung für Autist*innen in klassischen 1-zu-1-Therapiesituationen statt. Diese sind sehr wirkungsvoll, aber auch zeit- und kostenintensiv. Ein wichtiger Aspekt ist die Personalisierung, da Autismus ein sehr breites Spektrum umfasst und sich Bedürfnisse und Fähigkeiten stark unterscheiden können. Studien und praktische Erfahrungen zeigen, dass vor allem das aktive Üben sozialer Interaktionen hilfreich ist. Durch wiederholte soziale Situationen mit anderen Menschen können Betroffene Strategien entwickeln und mehr Sicherheit im Umgang mit sozialen Situationen gewinnen“, erklärt Christian Poglitsch, der das Projekt im Rahmen seiner Dissertation umgesetzt hat.
Sinnvolle Ergänzung
Technologien – wie eben PC-Spiele – können therapeutische Angebote sinnvoll ergänzen, so der Informatiker. Diese digitalen Systeme ermöglichen nämlich zusätzliche Lern- und Übungsmöglichkeiten, die immer verfügbar sind. „Dadurch lässt sich der Übungseffekt deutlich erhöhen. In virtuellen Szenarien können soziale Situationen beliebig oft wiederholt werden. Das erlaubt ein schrittweises Lernen im eigenen Tempo.“ SimVille hat spielerische Elemente – diese sind ein wichtiger Bestandteil des Games. Darüber hinaus gibt es Tutorien und virtuelle Begleiter, die die Spieler*innen anleiten und unterstützen. Zudem motivieren Aufgaben mit Belohnungssystemen: „Erfolgreich gemeisterte Interaktionen schalten etwa neue Gesprächssituationen frei. Dadurch entsteht Motivation, weiter zu üben und neue soziale Situationen auszuprobieren.“
Virtual Reality und Large Language Models
Auch bei der Entwicklung des Games setzten die Forscher*innen auf Virtual Reality und Large Language Models. Der Informatiker Christian Poglitsch erklärt, warum das sinnvoll ist: „Virtual Reality ermöglicht ein besonders intensives Eintauchen in eine virtuelle Welt. Für Menschen im Autismus-Spektrum können reale Umgebungen schnell sehr viele Sinneseindrücke erzeugen, die überfordernd sein können. In virtuellen Räumen lassen sich diese Reize gezielt reduzieren und kontrollieren. Large Language Models wiederum ermöglichen sehr natürliche Dialoge mit virtuellen Charakteren. Dadurch können Nutzer*innen Gespräche üben, Fragen stellen und unterschiedliche soziale Situationen ausprobieren – auf eine Weise, die deutlich interaktiver ist als klassische vorprogrammierte Dialoge.“
Positive Auswirkung
Bereits jetzt findet technologische Unterstützung Anwendung in verschiedenen Bereichen, etwa bei Lernsoftware, sozialen Trainingsprogrammen oder auch VR-basierten Therapieszenarien. Christian Poglitsch: „Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass digitale Systeme eine hilfreiche Ergänzung zu bestehenden therapeutischen Angeboten sein können. Gleichzeitig ist es ein sensibles und vulnerables Feld. Deshalb legen wir großen Wert darauf, neue Systeme sorgfältig zu testen und gemeinsam mit Fachleuten sowie den Nutzer*innen weiterzuentwickeln. Als nächsten Schritt möchten wir SimVille auch stärker im klinischen Umfeld evaluieren.“ Erste Studien zeigen, dass das Training mit SimVille sich positiv auf Autist*innen auswirkt – viele der Betroffenen gaben an, sich nun sicherer in sozialen Situationen zu fühlen.




