Begriffe wie Desinformation, Fake News oder alternative Fakten haben den öffentlichen Diskurs der letzten Jahre geprägt. Immer öfters stellt sich die Frage, ob alle medialen Inhalte – vor allem auf Social Media – stets den Fakten entsprechen und wenn nicht, wer davon profitiert, falsche Nachrichten in Umlauf zu bringen. An der Universität für Weiterbildung Krems widmet man sich ebenso diesem Thema. Bettina Pospisil forscht dort am Department für Sicherheitsforschung und leitet das Projekt „Young Citizen Scientists against Disinformation“, das Jugendliche als Citizen Scientists inkludiert.
Definitionen
Sie definiert Desinformation „als Falschinformation, die absichtsvoll verbreitet wird – mit dem Ziel, andere zu täuschen.“ Während des Projekts fragten die Forscher*innen die Schüler*innen selbst, was Desinformation für diese bedeutet. Dabei stellten die Forscher*innen fest, dass Desinformation einen anderen Stellenwert für Jugendliche hat: „Abgesehen davon, dass Sie diesen Begriff wenig bis nicht verwendeten, fiel ihnen die Klassifizierung in zum Beispiel Satire oder Desinformation sehr schwer, weil es nichts ist, was sie praktisch in ihrem Alltag tun. Ihre Art der Informationsbewertung bezieht sich nicht auf Aspekte der Klassifizierung, sondern meist auf Aspekte der Unterhaltung – aber schon auch der Glaubwürdigkeit.“
Methoden
Im Zuge des Projekts, das noch bis Ende 2026 läuft, werden mehrere Methoden angewendet, um herauszufinden, wie Jugendliche mit Desinformation umgehen: Die Forscher*innen sammeln Links und Online-Postings, die laut der Einschätzung der Jugendlichen Desinformation enthalten, ebenso verwenden die Forscher*innen mit den Jugendlichen gemeinsam Tools für das Fact-Checking wie beispielsweise Mimikama, den CORRECTIV.Faktencheck oder den Google Fact Check Explorer. In kartenbasierten Gruppendiskussionen werden bestehenden rechtlichen und politischen Regelungen besprochen. Drei Schulen – BRG Krems Ringstraße, HLW Tulln und HTL St. Pölten – sind am Projekt beteiligt. Bettina Pospisil betont, dass es in den Sozialwissenschaften stets üblich war, die Personen, die man beforscht, in die Forschung miteinzubeziehen, um von ihrer Lebenswelt zu lernen. „In unserem Projekt wollten wir aber noch einen Schritt weitergehen und die Jugendlichen selbst zu Forschenden machen, die an der Datenerhebungen, Datenauswertung und Ergebnisverbreitung beteiligt sind.“ Laut der Expertin eignet sich das Thema hervorragend, um Schüler*innen zu Forschenden zu machen: „Der richtige Umgang mit Desinformation erfordert Neugierde, kritisches Denken, Reflexionsfähigkeit und methodische Überprüfung. Genau das ist es, was auch wissenschaftliches Arbeiten ausmacht.“
Citizen Scientists
Bei jeder sozialwissenschaftlichen Methode setzt man darauf, Phänomene oder Vorgänge zu verstehen bzw. erklären zu wollen, deren Muster zu erkennen – und daraus zu lernen. „Indem wir die Schüler*innen zu Forschenden machen – wenn auch nur für kurze Zeit und in überschaubarem Rahmen – wollen wir ihnen Werkzeuge in die Hand geben, die sie in verschiedensten Situationen ihres Alltags gebrauchen können. Gleichzeitig agieren die Jugendlichen anders als wir Forscher*innen, wenn es um Datensammlung, -auswertung und -verbreitung geht. Sie kennen die Plattformen, Kanäle und Lebensrealitäten ihrer Altersgruppe und leisten mit diesem Perspektivenwechsel einen wichtigen Beitrag für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.“
Kompetenzen
Die Beobachtungen im Projekt bestätigten bisher die Annahme, dass Jugendliche vor allem auf Social Media-Kanälen wie TikTok und Instagram auf Desinformation stoßen. Zudem fanden die Forscher*innen heraus, dass die Jugendlichen sich selbst optimistisch einschätzen bezüglich ihrer eigenen Fähigkeiten im Umgang mit Desinformation. „Grundsätzlich wünschen sie sich Schutz eher für jüngere Kinder, die sie für die Auseinandersetzung mit den Inhalten als noch nicht ausreichend gefestigt sehen.“ Zudem bringen die Jugendlichen gewisse Kompetenzen beim Umgang mit Desinformationen mit, allein schon, weil sie die Logiken der Plattformen besser als Erwachsene kennen. So erkannten die Jugendlichen etwa bearbeitete Bilder schneller als Erwachsene, konnten aber häufig nicht sagen, woran sie ihr Urteil ausmachten.
Unterstützung
Eines der Ergebnisse des Projekts ist, dass sich die Jugendlichen – trotz ihrer optimistischen Selbsteinschätzung – Unterstützung wünschen. Diese Unterstützung sollte wirken, noch bevor sie mit Desinformation konfrontiert werden. „In der Wissenschaft spricht man von ‚Prebunking‘, einer Art Training, das die Mechaniken von Desinformation vermittelt, um dann in der Situation der Konfrontation abgerufen werden zu können.“ Denn in der alltäglichen Situation der Auseinandersetzung bleibt für Überprüfungen meist keine Zeit. Daher entwickelt das Projektteam nun gerade Ideen für ein analoges Brettspiel, das die Mechaniken von Desinformation auf unterhaltsame Weise darlegen und das Erkennen derselben trainieren soll. Vorbilder hierfür sind Spiele wie „Werwolf“ oder „Mafia“. Im Spiel sollen Teams Informationen zu vorgegebenen Themen Stories recherchieren; einige Rollen streuen verlässliche Hinweise, andere wiederum Falschnachrichten – und es gilt herauszufinden, welche Quellen vertrauenswürdig sind und welche nicht. Das Projekt sowie das Spiel sollen Jugendliche ermächtigen; sie sollen als Akteur*innen wahrgenommen werden, die Strategien besitzen – und diese ausbauen können. Bettina Pospisil: „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass gerade beim Thema Desinformation ein stärkerer Einbezug der Zielgruppe passiert, um die Stärken des wissenschaftlichen Arbeitens ein Stück weit in den Alltag zu integrieren, aber auch um die Perspektive der jeweils anderen besser verstehen zu lernen. Das könnte helfen, Wissenschaft und Gesellschaft einander näherzubringen.“




