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9. Juli 2026

Humor sagt viel über uns

Von Schrödingers Katze
Kommunikation/Sprache
Humor beschreibt die Gesellschaft gut, dennoch werden humoristische Literatur oder Kabarett in der Forschung noch wenig beachtet.

Ob auf der Bühne, der Leinwand oder Social Media: Humorvolle Inhalte begegnen uns überall, gerade Österreich ist bekannt für seinen Humor. Nur die Forschung dazu hinkt noch hinterher, sagt Mario Huber. Er will seinen Beitrag dazu leisten,  das zu ändern. Der Germanist forscht an der Universität Graz und an der Donau-Uni Krems zu Kabarett und humoristischer Literatur, aktuell im Rahmen des Projekts „Das Kabarett als soziale und mediale Praxis“.

Humor kann Machstrukturen aufrechterhalten, aber diese auch angreifen: „Wenn man einen Witz erzählt, der mit der Meinung der Mehrheitsgesellschaft übereinstimmt, dann wird man wahrscheinlich akzeptiert. Wenn wir in einer rassistischen Gemeinschaft leben, dann werden rassistische Witze gut ankommen. Leben wir in einer liberalen Gemeinschaft, wird man mit diesen Witzen die Mehrheit nicht für sich gewinnen“, sagt er. Umgekehrt kann man sich als Minderheit gegenüber einen diskriminierenden Mehrheit mit Humor wehren. „Man kann sich zum Beispiel selbst erniedrigen, bevor es andere tun, was eine Spielart des jüdischen Humors ist, auch das kann ein Gemeinschaftsgefühl schaffen.“ Es bestimmen viele Faktoren, wie unser Humor funktioniert:. Soziale Herkunft, Alter, Geschlecht oder Religion. „Die Aussage: ‚Du hast keinen Humor‘ ist deshalb oft ein Ausdruck dessen, dass unser Gegenüber nicht unseren Humor hat. Man kann fünfjährige Kinder auf eine Art zum Lachen bringen – und fünfzigjährige Sparkassenvorstandsvorsitzende auf eine andere.“

Aktuelle Trends

Es tut sich gerade einiges auf österreichischen Bühnen und anderswo, beobachtet Mario Huber: „Das österreichische Kabarett wird vielfältiger.“ Mehr Frauen – wie Sonja Pikart, Magda Leeb, Antonia Stabinger, Elli Bauer oder Maria Muhar – sowie Menschen mit Behinderung und Menschen aus der LGBTQIA+-Community widmen sich der Welt des Komischen. Ein weiterer Trend: Bühnenstücke, die der angloamerikanischen Stand-Up-Comedy angelehnt sind. Dazu zählt Mario Huber Künstler*innen wie Toxische Pommes, Malarina, Sebastian Humi, Christina Kiesler, Der Kuseng, Josef Jöchl und David Stockenreitner. Bei Stand-up steht die persönliche Erfahrung mehr im Vordergrund als große Gesellschaftsanalysen, dennoch kann auch Stand-up politisch sein. Zu guter Letzt werden nicht nur die Kabarettist*innen diverser, sondern ebenso deren Karrierewege:  War es früher üblich, zuerst auf klein anzufangen, Preise zu gewinnen und nach und nach vor einem größeren Publikum zu spielen, sind nun Quereinsteiger*innen, die durch Social Media schnell bekannt wurden, präsenter.

Forschungslücke

Komische Inhalte und Humor finden in der Germanistik bzw. im Literaturbetrieb nicht viel Beachtung, ein paar Beispiele fallen Mario Huber aber ein: Es gibt Forschung zu Ferdinand Raimund und Johann Nestroy. Beatrix Müller-Kampl hat sich mit Kasperl und Hanswurst auseinandergesetzt, Tom Kindt mit den Komödien des 18. Jahrhunderts. Uwe Wirth forscht zu Ironie und veröffentlichte ein Handbuch zur Komik. „Diese Ausnahmen bestätigen die Regel – wenn etwas im germanistischen Sinn erfolgreich sein soll, darf es anscheinend nicht lustig sein“, so Mario Huber. Es gibt zudem kaum Preise für komödiantische Literatur. Als Ausnahme nennt der Germanist den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Dabei lässt sich Humor viel über eine Gesellschaft ablesen: Er zeigt, was wir lustig finden, wofür wir bereit sind, Geld auszugeben und was uns bewegt. „Deshalb sind humorvolle Inhalte ein Fundus für die Forscher*in, die sich Fragen zu der Mentalität einer bestimmten Zeit stellen. Es formt sich erst langsam ein Bewusstsein dafür, dass Kabarett eine erhaltenswerte Kunstform ist. Das Österreichische Kabarettarchiv in Graz hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kabarett, Kleinkunst und Satire systematisch zu dokumentieren – es ist daher die erste Anlaufstelle für Forscher*innen sowie Privatpersonen, die mehr über das österreichische Kabarett wissen wollen.“

Germanist Mario Huber
Der Germanist Mario Huber ist an der Universität Graz und an der Donau-Universität Krems tätig. © Universität Graz, Schaffernak

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