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Eine Katze und ein Hund liegen nebeneinander auf einer Wiese.
9. April 2026

Der Verlust des Haustieres und das Tabu des Todes

Von Schrödingers Katze
Gesellschaft
Der Tod wird gesellschaftlich von uns weggerückt, gerade bei Haustieren nehmen Trauerrituale aber zu.

Der Verlust eines Haustieres stellt für viele – vor allem junge – Menschen die erste Erfahrung mit dem Tod dar. Kürzlich haben Svenja Springer und Christian Dürnberger an der Veterinärmedizinischen Universität Wien qualitative Interviews mit Tierärzt*innen durchgeführt, um herauszufinden, wie diese Personengruppe gesellschaftliche Diskussionen über das Sterben und den Tod wahrnimmt und welche Bedeutung der Verlust eines Haustieres dabei haben kann. Die Befragten gaben an, dass Tod noch immer ein Tabu ist. Svenja Springer weiß, warum das so ist: „Erstens ist das Sterben zunehmend in Institutionen verlagert worden. So zeigen Studien aus dem Jahr 2019, dass fast die Hälfte der über 82.000 verstorbenen Erwachsenen in Österreich im Krankenhaus und 20 % in Pflegeheimen gestorben sind. Dadurch verlieren viele Menschen den direkten Kontakt zum Sterbeprozess im familiären Umfeld. Dies zeigt auch, dass immer weniger Familien den Sterbenden betreuen, sondern oft sind es eben Pflegekräfte, was zu einer Professionalisierung des Sterbeprozesses führt. Ebenso verlieren traditionelle Trauerrituale an Bedeutung und Trauer wird zunehmend als privates Gefühl betrachtet.“

Eigene Trauerrituale

Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen dem Tod eines Menschen und eines Haustieres, aber laut der Expertin auch bemerkenswerte Gemeinsamkeiten: „Der Tod eines Menschen wird natürlich häufig als besonders tiefgreifender Verlust empfunden, was im engen Familien- und Bekanntenkreis zu intensiveren Trauerreaktionen führen kann. Im Fall von Haustieren, insbesondere solchen, die als enge Begleiter gelten, zeigt sich jedoch ein ähnlich emotionaler Umgang mit dem Verlust.“ Daher entstehen zunehmende Trauerrituale, die speziell für Tiere entwickelt werden, wie zum Beispiel Tierfriedhöfe und Einäscherungsdienste.

Tod aus der Tabuzone holen

Der Verlust eines Haustieres kann beim Umgang mit dem Tod helfen: „Die in unserer Studie interviewten Tierärzt*innen berichten, dass das Sterben von Haustieren oft im familiären Umfeld geschieht, was den Tod wieder ins eigene Zuhause holt. Durch die Begleitung eines sterbenden Haustieres wird der Tod aus der Tabuzone geholt, und es entsteht die Möglichkeit, wertvolle Erfahrungen im Umgang mit dem Sterben zu sammeln.“ Vor allem Kinder und Jugendliche kann das helfen, einen reflektierten Umgang mit dem Tod zu finden sowie Ängste und Unsicherheiten abzubauen. Es ist wichtig, über den Verlust zu sprechen, den Lebensweg des Tieres zu reflektieren und den Tod bewusst zu thematisieren. „ „Der Umgang mit dem Tod eines Haustieres bietet jungen Menschen eine wichtige Gelegenheit, über Trauer und Verlust nachzudenken. In unserer Studie haben Tierärztinnen erwähnt, dass dies ein ‚Übungsplatz‘ ist, um über Sterben und Tod zu sprechen. So können Kinder und Jugendliche lernen, wie sie mit diesen Themen umgehen, bevor sie möglicherweise den Verlust von Großeltern oder anderen Familienmitgliedern erleben. Diese Erfahrungen unterstützen sie dabei, ein besseres Verständnis für Verlust zu entwickeln und ihre Gefühle besser auszudrücken zu können.“

Unterschiedliche Dimensionen

Menschen, die selbst Haustiere haben bzw. hatten, verstehen den Verlust eines tierischen Weggefährten tendenziell besser, meint die Expertin. Zudem spielt der gesellschaftliche Stellenwert von Haustieren eine entscheidende Rolle beim Umgang mit einem toten Tier: So sind Hunde zum Beispiel viel sichtbarerer im Alltag, diese Präsenz könnte zu mehr Verständnis im Todesfall führen. Weiters ist es wichtig, kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen, denn in einigen Kulturen wird der Tod eines Tieres möglicherweise weniger emotional wahrgenommen als in anderen. Ebenso sind das Alter und die Lebensphase hinsichtlich des Verlusts eines Haustieres relevant – so reagieren jüngere Menschen vermutlich stärker auf den Tod eines Haustieres, da sie noch wenig Erfahrungen mit Verlust haben. Und zu guter Letzt trauern wir um Haustiere mehr als um Nutztiere. Mittlerweile gibt es zahlreiche Anlaufstellen die Menschen in emotional belastenden Zeiten unterstützen, etwa Trauergruppen, Beratungen und Workshops sowie Bücher und weitere Online-Angebote.

Ausbildung von Tierärzt*innen

Bei der Ausbildung von Tierärzt*innen ist die Tötung von Tieren in verschiedenen Kontexten zentral, sagt Svenja Springer: „Kaum ein Beruf konfrontiert die Fachkräfte so vielfältig mit dem Sterben und dem Tod wie die Tiermedizin. Dies reicht vom Tod von Schweinen im Schlachthaus über Mäuse im Labor bis hin zu Geflügel, das im Rahmen einer angeordneten Keulung getötet wird, sowie der Euthanasie von Haustieren. Hinter jeder dieser Tötungen steht ein spezifischer Zweck: die Gewährleistung der Nahrungsmittelversorgung, die Wissensgenerierung im Labor, die Prävention von Seuchenausbrüchen oder die Schmerzlinderung im Rahmen einer Euthanasie.“ Hier zeigt sich ein bedeutender Unterschied: wird ein Haustier eingeschläfert, passiert dies, um dem Tier Leid zu ersparen; bei all den anderen Tötungsszenarien stehen vor allem menschliche Interessen im Vordergrund. „Diese Differenzierung führt zu relevanten ethischen Fragestellungen, die wir zum Beispiel in unseren Lehrveranstaltungen zur veterinärmedizinischen Ethik an der Veterinärmedizinischen Universität Wien eingehend behandeln und zur Diskussion stellen. So können wir angehenden Tierärzt*innen das notwendige Rüstzeug mitgeben, um ihre berufliche Tätigkeit sowohl auf professioneller als auch auf gesellschaftlicher Ebene fundiert reflektieren zu können.“

Wissenschaftlerin im Bereich der veterinärmedizinischen Ethik Svenja Springer
Svenja Springer forscht zu Fragen im Bereich der tiermedizinischen Ethik an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. © Thomas Suchanek

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