Der Name ist dramatisch, das Tier jedoch harmlos: Der Vampirtintenfisch (Vampyroteuthis infernalis) gehört zu den Kopffüßern. Er hat eine Rumpflänge von bis zu 30 cm, einen dunklen Körper und große blaue oder rote Augen. Seinen Namen verdankt er wohl den mantelartigen Schwimmhäuten zwischen seinen Armen. Man trifft ihn nicht oft, erklärt der an der Universität Wien tätige Biologie Oleg Simakov, der mit Kolleg*innen der Universitäten Wien, des National Institute of Technology – Wakayama College (NITW; Japan) und der Universität Shimane (Japan) den Vampirtintenfisch untersuchte: „Als eine Tiefsee-Art ist diese Spezies schwer zu finden und umso schwerer ist sie genetisch zu analysieren, da es schwer ist, an die Gewebeproben zu gelangen und die DNA zu extrahieren. Das ist aber wichtig um ihre Evolution zu verstehen. Auf der genomischen Ebene war bis jetzt fast gar nichts über diese Art bekannt. Es war also eine gewisse Überraschung, dass sein Genom so gross ist.“
Besonderheiten
Das Genom – also das gesamte Erbgut eines Lebewesens – des Vampirtintenfisches ist tatsächlich besonders groß, nämlich etwa dreimal so groß wie das menschliche Genom. „Kalmare und Sepien haben auch grosse Genome, allerdings ist die Genomgrösse in jeder von diesen Tiergruppen höchstwahrscheinlich unabhängig voneinander entstanden“, führt Oleg Simakov aus. Darüber hinaus fanden der Evolutionsbiologie und seine Kolleg*innen heraus, dass der Vampirtintenfisch eine weitere Besonderheit aufweist: Obwohl das Tier näher mit den Oktopussen verwandt ist, weist er auch Merkmale von Kalmaren und Sepien auf.
Merkmale beider Linien
Das wusste man bereits, jedoch ist es nun durch die Sequenzierung des Genoms möglich, die Evolution der Kopffüßer – das ist die Klasse, zu denen all diese Arten gehören – zu verstehen: Vor 300 Millionen Jahren spalteten sich nämlich die modernen Kopffüßer in zwei Hauptlinien auf – die zehnarmigen Decapodiformes (Kalmare und Sepien) und die achtarmigen Octopodiformes (Oktopusse/Oktopoden und der Vampirtintenfisch). Der Vampirtintenfisch besitzt zwar acht Arme, aber er teilt wichtige genomische Merkmale wie zum Beispiel die Chromosomenstruktur mit seinen zehnarmigen Verwandten – und nimmt somit eine wichtige Stellung zwischen diesen beiden Linien ein. Sein genetisches Erbe behält somit einige ältere Merkmale der beiden Abstammungslinien.
Verwandte Tiere
Grundsätzlich sind alle Tierarten miteinander verwandt, mit dieser Theorie wurde vor allem Charles Darwin und sein Werk „Über die Entstehung der Arten“ bekannt. Die Erkenntnis über wie und welche genomische Veränderungen hinter der Biodiversität stehen, ist allerdings noch sehr lückenhaft. Die Arbeitsgruppe von Oleg Simakov untersucht, wie solche großen Genomveränderungen insbesondere in der Organisation der Chromosomen stattfinden und welche Konsequenzen diese haben. „Der Vampirtintenfisch ermöglicht uns die Erkenntnis, dass Oktopoden sich genetisch stark verändert haben und dass Kalmare und Sepien eine ursprünglichere Genomstruktur aufweisen. Ähnliche klare Beispiele gibt es bis jetzt nicht so viele, da man erst seit Kurzem mit solchen Sequenzierungen angefangen hat, die aufgrund der neuesten Technologien ganze Chromosomen rekonstruieren können.“ Die Studie hebt deshalb hervor, dass solche Chromosomenveränderungen eine wichtige Rolle bei der Evolution der Vielfalt der heutigen Kopffüßer gespielt haben könnten.



