Sie nutzt ihre Zunge, um den am Boden liegenden Besenstiel hochzuheben und sich anschließend damit zu kratzen. Die Kognitionsbiologin Alice Auersperg und ihr Kollege Antonio J. Osuna-Mascaró staunten nicht schlecht, als sie auf die 13-jährige Kuh Veronika trafen. Das Tier lebt in Kärnten, am Biobauernhof von Wittkar Wiegele, und wird nicht zur Milch- oder Fleischproduktion, sondern als Haustier gehalten. Bereits vor neun Jahren beobachtete ihr Besitzer, dass Veronika gezielt am Boden liegende Äste aufhob, um sich zu kratzen. Jahre später wurden Alice Auersperg und Antonio J. Osuna-Mascaró durch ein Video, das ein Freund der Familie Wiegele aufgenommen hatte, auf das Tier aufmerksam – und beschlossen, Veronika wissenschaftlich zu untersuchen. „Eine solche Beobachtung ist für die Tierkognitionsforschung ungewöhnlich, weil sie über zufälliges Verhalten hinausgeht und klar zweckmäßig wirkt. Entscheidend war, dass dieses Verhalten über Jahre hinweg stabil auftrat und nicht durch Training erklärt werden konnte. Das machte Veronika zu einer wissenschaftlich relevanten Einzelfallstudie“, erklärt Alice Auersperg.
Kuh Veronika
Im Internet gingen die Fotos und Videos von der sich kratzenden Kuh Veronika schnell viral. Die Kognitionsbiologin Alice Auersperg betont, dass Veronika nicht per se klüger ist als andere Kühe. Sie stellt jedoch den ersten Fall dar, bei dem die Wissenschaft systematisch prüfen konnte, dass eine Kuh Werkzeug verwendet. Warum das so ist, erklärt die Forscherin so: „Kühe werden in der Regel nicht alt, sie leben selten in so reizreichen Umgebungen und bekommen kaum Zugang zu handhabbaren Objekten. In Veronikas Fall kamen also mehrere Faktoren zusammen: Ein hohes Alter, eine nicht industrielle Haltung, viel Raum, und ein aufmerksamer Mensch, der das Verhalten ernst nahm statt es als Kuriosität abzutun.“ Alice Auersperg betont weiters: „Veronika ist damit kein Sonderfall im Sinne einer Ausnahme von der Natur, sondern ein Hinweis darauf, was sichtbar wird, wenn man auch bei Nutztieren genau hinschaut und ihnen die Gelegenheit gibt, ihre Fähigkeiten zu zeigen.“ Die Forscherinnern haben ebenso getestet, ob die Kuh Veronika die Kriterien für flexible Werkzeugnutzung erfüllt, also ob sie den Besenstiel unterschiedlich einsetzt. Die beiden gaben Veronika wiederholt einen Besen mit zwei unterschiedlichen Enden. Dabei stellte sich heraus, dass Veronika den Besen je nach Körperregion unterschiedlich nützt: So kratzt sie sich etwa mit den Borsten den Rücken und mit dem Stiel ihre Weichteile. Zudem verwendet sie unterschiedliche Anwendungstechniken, erklärt die Forscherin: „Stupsen und leichtes Heben des Gewebes mit dem Stilende und Auflegen und dann Ziehen mit dem Besenende.“ Dass Tiere ein und dasselbe Werkzeug so unterschiedlich nutzen, ist extrem selten und nur etwa bei Schimpansen in Zentralafrika wissenschaftlich belegt.
Intelligente Tiere
Unsere Vorstellung davon, dass bestimmte Nutztiere weniger intelligent seien, ist ein kulturelles und psychologisches Konstrukt, betont die Kognitionsbiologin. „Tiere, die wir essen oder wirtschaftlich verwerten, werden unbewusst kognitiv abgewertet. Um moralische Spannungen zu reduzieren, schreiben Menschen genau jenen Tieren weniger mentale Fähigkeiten zu, deren Nutzung sonst schwer zu rechtfertigen wäre. Das betrifft besonders Kühe, Schweine und Hühner.“ Zudem ist Intelligenz kein einheitliches Merkmal: Im Kontext der Tierforschung bedeutet Intelligenz die Fähigkeiten, Probleme flexibel zu lösen, Informationen kontextabhängig zu nutzen und Handlungen an Ziele anzupassen. Darüber hinaus ist Intelligenz domänenspezifisch: „Ein Tier kann sozial sehr kompetent sein, aber technisch weniger, oder umgekehrt.“ Schlussendlich sagt das tägliche Verhalten von Tieren nicht viel über deren Fähigkeiten aus: „Wenn Tiere in reizarmen Haltungsbedingungen leben und kaum Gelegenheit haben, Probleme zu lösen, zeigen sie diese Fähigkeiten nicht. Das wird dann fälschlich als mangelnde Intelligenz interpretiert, obwohl es sich um fehlende Gelegenheit handelt“, so die Forscherin. Zudem ist es nicht sinnvoll, die Intelligenz von Tieren mit der Intelligenz von Menschen zu vergleichen. Man misst daher in der Tierkognitionsforschung spezifische Fähigkeiten, wie räumliches Gedächtnis, kausales Problemlösen oder Flexibilität.
Blinde Flecken
Zum Abschluss betont Alice Auersperg, dass man nun nicht allgemein sage kann, dass Kühe Werkzeuge benutzen bzw. dass dieses Verhalten typisch für Kühe ist: „Der wichtigste Schluss ist daher nicht, dass Kühe plötzlich als typische Werkzeugnutzer gelten sollten, sondern dass wir genauer hinschauen müssen. Kognitive Fähigkeiten werden nur sichtbar, wenn Tiere Gelegenheit haben, sie zu zeigen. Für andere Kühe und andere Arten bedeutet das: Es ist gut möglich, dass bestimmte Fähigkeiten weiter verbreitet sind als wir es im Moment wissen, aber selten beobachtet werden, weil die ökologischen, sozialen oder haltungsbedingten Voraussetzungen fehlen oder weil niemand danach sucht. Veronikas Fall legt nahe, dass unser Bild von Tierkognition nicht nur durch biologische Grenzen geprägt ist, sondern auch durch blinde Flecken in der Forschung.“




