Negar Hakim befasst sich mit Bauwerken der drei monotheistischen Religionen – Christentum, Judentum und Islam. Sie wuchs in der iranischen Stadt Isfahan auf und kehrte als an der TU Wien tätige Architekturhistorikerin dorthin zurück, um die dortigen christlichen Bauten zu beforschen, etwa die Vank-Kathedrale in Isfahan (Iran) (siehe Bilder). Kürzlich gab sie – mit Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland – eine Ausgabe des Magazins „Kunst und Kirche“ zu diesem Thema heraus. Denkt man an heutige islamische Länder – etwa im Nahen Osten oder in Nordafrika – denkt man wohl nicht zuerst an christliche Kirchen, diese stehen dort aber weiterhin – und das seit Beginn des Christentums. Diese Regionen sind wichtig für die Entwicklung des frühen Christentums und viele der ältesten Kirchen und Klöster entstanden dort – noch vor der Ausbreitung des Islams.

Religionen und deren Bauten
Die drei hier genannten monotheistischen Religionen glauben, wie der Name sagt, an nur einen Gott. Die Gläubigen kommen in Gebäuden zusammen, um gemeinsam zu beten. Die Räume dieser Gebäude – also Synagogen, Kirchen bzw. Moscheen – schauen innen und außen unterschiedlich aus.
Im Christentum bildet der Altar in vielen Konfessionen, besonders in katholischen, orthodoxen und orientalischen Kirchen, das Zentrum einer Kirche. Er befindet sich traditionell im Osten; das verweist auf die Auferstehung und auf Christus als „Licht der Welt“. Darüber hinaus können christliche Kirchen eine sehr unterschiedliche Architektur aufweisen – von der frühchristlichen Basilika über Zentralbauten bis hin zu modernen Gemeindekirchen.

Moscheen sind wiederum auf die Qibla ausgerichtet. Das ist die Gebetsrichtung zur Kaaba in Mekka. Der Gebetsraum ist als offener Versammlungsraum konzipiert, der eine flexible Nutzung ohne festgelegte Sitzordnung ermöglicht. „Charakteristisch ist zudem, dass in Moscheen die gemeinschaftliche Gebetspraxis im Vordergrund steht und Heilige selten figürlich dargestellt werden“, so Negar Hakim. Gemeint ist damit nicht ein absolutes Bilderverbot in allen Bereichen islamischer Kunst, sondern die in Moscheen übliche Zurückhaltung gegenüber figürlichen Darstellungen im religiösen Raum. Prägend sind in Moscheen häufig Schrift, Ornament, Gebetsnische, Gebetsrichtung und der gemeinschaftliche Vollzug des Gebets.

Synagogen wiederum orientieren sich in ihrer Bauweise nach Jerusalem: „Diese symbolische Ausrichtung manifestiert sich im Aron ha-Qodesch, dem Toraschrein, der die Schriftrollen aufnimmt und den Fokus des Raumes bildet.“ Im Mittelpunkt steht die Tora: Sie wird im Toraschrein aufbewahrt und während des Gottesdienstes gelesen. Wichtig ist oft auch die Bima, also das Lesepult, von dem aus die Tora vorgelesen wird. Synagogen sind daher nicht nur Gebetsräume, sondern auch Orte der Schriftlesung, des Lernens und der Gemeindeversammlung.
Christliche Architektur
Christliche Kirchen in islamischen Ländern sind eng mit dortigen Bautraditionen verflochten. Das zeigt sich bei der Verwendung regionaler Materialien, Bauformen und Raumkonzepte. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die Religionen und Bauweisen in einer Region beeinflusst: „Syrische Saalkirchen, armenische Zentralbauten oder koptische Kirchen in Ägypten stehen für lokale architektonische Entwicklungen, die später islamische Bautraditionen beeinflussten oder mit ihnen in einen gestalterischen Austausch traten. Umgekehrt integrierten christliche Gemeinden in islamisch geprägten Gesellschaften über Jahrhunderte hinweg Elemente der jeweiligen Mehrheitskultur in ihre Architektur, ohne ihre Identität aufzugeben“, erklärt Negar Hakim.

Aktuelle Situation
Christliche Kirchen in islamischen Ländern sind Träger kollektiver Erinnerungen und kultureller Identität. Der Umgang mit diesen Kirchen ist in den jeweiligen Ländern und Regionen unterschiedlich: In vielen Regionen werden die Kirchen als historischer Bestandteil der jeweiligen Kulturlandschaft anerkannt, geschützt und teilweise als Kulturerbe gewürdigt; in anderen Regionen sind die Bauten jedoch politischen Spannungen unterworfen oder von militärischen Konflikten betroffen, etwa in Gaza oder Syrien. Sie werden teilweise weiterhin als Gebetshäuser genutzt, jedoch hängt diese Nutzung sehr stark von der jeweiligen lokalen Situation und von der Größe der christlichen Gemeinden ab. Negar Hakims Forschung zeigt jedenfalls: Religionen koexistieren seit Jahrhunderten, wenn auch nicht immer konfliktfrei – das zeigt sich unter anderem in deren Bauwerken.



