Ora et labora – Bete und arbeite. Gemäß dieses Leitspruches leben die Mönche und Nonnen im Kloster. Dort ist ihr Leben durch viele Routinen geprägt, vor allem Gebete stehen jeden Tag im Fokus, dazwischen essen oder gärtnern sie. Zudem gehen sie seelsorgerischen und sozialen Tätigkeiten nach. Ein geordnetes, bescheidenes Leben also – und eines, das sich perfekt als „natürliches Experiment“ eignet, etwa um zu untersuchen, ob ebenso im Kloster die Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen unterschiedlich ausfällt. Genau das hat der Bevölkerungswissenschafter Marc Luy getan. Bereits seit 1997 untersucht er in seiner bekannten Klosterstudie, ob Mönche und Nonnen dieselbe Lebenserwartung haben wie weltlich lebende Menschen. „Ordensgemeinschaften bieten für die Forschung eine seltene Gelegenheit. Frauen und Männer leben dort unter nahezu identischen Bedingungen: gleiche Wohnverhältnisse, ähnliche Ernährung, dieselben geregelten Tagesabläufe und ein vergleichbarer Zugang zu medizinischer Versorgung. Viele typische Belastungen des modernen Lebens – finanzielle Unsicherheit, Konkurrenzdruck, familiäre Sorgen – spielen eine deutlich geringere Rolle“, erklärt Marc Luy.
Männer sterben früher
Überall auf der Welt zeigt sich nämlich dasselbe Bild: Frauen werden älter als Männer. In Österreich sterben Männer durchschnittlich viereinhalb Jahre vor Frauen. Wissenschafter*innen wie Marc Luy interessiert, welche Faktoren hier eine Rolle spielen. Häufig wird die Antwort in der Biologie gesucht: Hormone und Gene werden als Gründe herangezogen, ebenso der Lebensstil: Männer rauchen öfters (ein besonders wichtiges Merkmal) und trinken mehr Alkohol als Frauen. Zudem arbeiten sie häufiger in gefährlichen Berufen und sterben ebenso häufiger bei Unfällen. „Wenn biologische Faktoren der Hauptgrund für die kürzere Lebenserwartung von Männern wären, müsste sich der Geschlechterunterschied auch im Kloster fast unverändert zeigen. Wenn dagegen Umwelt und Verhalten entscheidend sind, sollte er dort deutlich kleiner ausfallen“, so Marc Luy.
Interessantes Ergebnis
Das Ergebnis der Klosterstudie ist eindeutig: Im Kloster leben die Mönche ähnlich lange wie die Nonnen – sie sterben im Durchschnitt nur ein knappes Jahr vor diesen. Somit leben Männer im Kloster wesentlich länger als weltlich lebende Männer. Die Lebenserwartung von Nonnen ist jedoch ähnlich hoch wie die Lebenserwartung weltlicher Frauen. „Das bedeutet: Ein großer Teil der ‚verlorenen’ männlichen Lebensjahre ist kein biologisches Schicksal, sondern prinzipiell vermeidbar“, betont Marc Luy. Der Experte und sein Team führten Interviews mit den Mönchen, um die Gründe für deren längeres Leben zu erfahren. Ein geregeltes Leben spielt für diese eine wichtige Rolle: „Der Tagesablauf ist fest strukturiert, die Aufgaben und Verantwortungen sind klar, der Rhythmus bleibt stabil. Viele Klosterbrüder berichten, wie entlastend es sei, nicht ständig organisieren, planen und sich neu anpassen zu müssen.“ Zudem stellte sich heraus, dass vor allem Mönche mit niedrigem Bildungsabschluss vom Leben im Kloster profitieren. „Bei Mönchen mit höherem Bildungsniveau – etwa ab Matura – finden sich dagegen keine Unterschiede in der Sterblichkeit im Vergleich zu ihren weltlichen Geschlechtsgenossen.“ Daraus lässt sich schließen, dass die statistisch erhöhte Sterblichkeit von Männern in der Allgemeinbevölkerung vor allem auf Männer mit niedrigem Bildungsabschluss zurückzuführen ist.
Weniger Autonomie, mehr Stress
In der Forschung gibt es das Konzept des Statussyndroms, das von Michael Marmot geprägt wurde: Dieses besagt, dass Menschen mit einer höheren sozialen Position und einer größeren Kontrolle über ihr Leben länger leben. Marc Luy erklärt die Gründe dafür: „Menschen mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen haben oft weniger Autonomie, mehr finanzielle Sorgen und eine dauerhaft höhere Stressbelastung – mit messbaren Folgen für die Sterblichkeit. Gleichzeitig zeigt sich bei nahezu allen bekannten Risikofaktoren ein klarer Bildungsgradient: Rauchen, exzessiver Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung, aber auch Unfallsterblichkeit sind bei Männern mit niedrigerem Bildungsabschluss deutlich häufiger.“ Zudem profitieren die Mönche vom Leben in der Gemeinschaft. Ihr Tagesrhythmus ist geregelter, sie haben einen relativ gesunden Lebensstil und im Notfall finden sie schnell Unterstützung.
Unser Einfluss
Marc Luy betont, dass die Biologie auch im Kloster eine Rolle spielt, aber eben eine wesentlich geringere. Auch andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen: „Trotz völlig unterschiedlicher Forschungsansätze kommen diese Arbeiten übereinstimmend zu dem Schluss, dass nur etwa 20 bis 25 Prozent der Geschlechterdifferenz in der Lebenserwartung biologisch bedingt sind.“ Ebenso ergibt sich die Frage, warum Nonnen nicht im selben Ausmaß vom Leben im Kloster profitieren wie Mönche. Dafür hat der Bevölkerungswissenschafter Marc Luy zwei Theorien: Einerseits sind Nonnen – ebenso wie Männer der Allgemeinbevölkerung – überwiegend berufstätig, und das in fordernden Bereichen wie Pflege oder Krankenbetreuung. Andererseits sind Nonnen kinderlos, daher haben sie – statistisch gesehen – ein höheres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Marc Luy: „Die Klosterstudie führt zu einer klaren Botschaft: Männer verschenken Lebensjahre. Nicht, weil sie Männer sind, sondern weil Lebensstile, Erwartungen und gesellschaftliche Strukturen sie einem höheren Sterberisiko aussetzen. Wenn Mönche vier oder mehr zusätzliche Lebensjahre gewinnen können, ohne medizinische Wundertherapien, sondern durch Lebensrhythmus, Gesundheitsverhalten, soziale Einbindung und geringeren Stress, dann liegt darin ein enormes Präventionspotenzial.“ Das gilt auch für Frauen: Jede*r von uns hat einen enormen Einfluss darauf, wie lange und gesund wir leben.




