„Unter Korruption versteht man den Missbrauch anvertrauter öffentlicher Macht zum privaten Vorteil. Dazu zählen etwa Bestechung, Vorteilsannahme oder Amtsmissbrauch“, erklärt Moritz Schmid. Er ist Ökonom an der WU Wien und führte – mit Jurgen Willems – eine Studie dazu durch, wann Beamtinnen anfällig für Korruption sind. „Korruption beeinflusst, wie effizient Staaten funktionieren, wie gerecht öffentliche Mittel verteilt werden und wie stark Bürgerinnen ihren Institutionen vertrauen. Korruption kostet nicht nur Geld – sie kostet Vertrauen.“
Auswirkungen von Korruption
Ein hoher Grad an Korruption sorgt dafür, dass nicht die besten Entscheidungen im Sinne aller getroffen werden. Moritz Schmid: „Wenn öffentliche Ämter, Aufträge oder Ressourcen nicht mehr nach objektiven Kriterien vergeben werden, leidet die Qualität staatlicher Entscheidungen. Zahlreiche Studien zeigen, dass Korruption mit geringerem Wirtschaftswachstum, niedrigeren Investitionen, einer ineffizienteren Verwendung öffentlicher Mittel und einer geringeren Qualität öffentlicher Dienstleistungen einhergeht.“ Zudem wirkt sich Korruption negativ auf die Gesellschaft aus, denn durch diese sinkt das Vertrauen in Politik, Verwaltung und Rechtsprechung. „Langfristig kann Korruption dadurch nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung bremsen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Stabilität demokratischer Institutionen schwächen.“
Schwierige Messung
Für die Wissenschaft ist es schwierig, Korruption zu messen bzw. die Anfälligkeit von Beamtinnen für Korruption festzustellen. Korrupte Handlungen finden meist versteckt statt und werden entweder gar nicht oder erst im Nachhinein aufgedeckt. In der Wissenschaft haben sich dennoch Möglichkeiten etabliert, um Korruption zu messen. Dabei unterscheidet man Ansätze auf Makro- und Mikroebene. Auf der Makroebene ist der Corruption Perceptions Index von Transparency International der bekannteste, er basiert auf Einschätzungen von Expertinnen und macht Korruption in Ländern weltweit vergleichbar. Auf der Mikroebene wiederum steht nicht die Wahrnehmung von Korruption auf Länderebene im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Frage, welche individuellen Merkmale es bei Beamt*innen gibt, die mit einer höheren Anfälligkeit für Korruption zusammenhängen. „Genau das ist allerdings besonders schwierig zu messen. Kein Beamter würde in einer Befragung offen angeben, Bestechungsgelder anzunehmen. Deshalb greifen viele Studien auf Einstellungen zurück, etwa zur Rechtfertigung von Bestechung.“
Einstellungen entscheidend
Bestimmte Einstellungen gelten als unterschwellige Anzeichen dafür, wie anfällig jemand für Korruption ist – und das ist auch der Ausgangspunkt für die aktuelle Studie. Diese basiert auf Daten des World Values Survey, einer der größten sozialwissenschaftlichen Langzeitbefragungen. Sie fokussierten dabei auf die Angaben von mehr als 18.000 Beamtinnen aus 90 Ländern. Moritz Schmid und Jurgen Willems haben Regressionsmodelle mit Verfahren des erklärbaren Maschinellen Lernens kombiniert. So konnten mehr als 100 potenzielle Einflussfaktoren gleichzeitig systematisch verglichen werden, um zu identifizieren, welche davon die Korruptionsanfälligkeit von Beamtinnen am besten vorhersagen.
Verhalten von Führungskräften
„Unsere Studie zeigt, dass individuelle Werte und Einstellungen die Korruptionsanfälligkeit besser vorhersagen als Faktoren wie Einkommen und Bildung. Besonders aussagekräftig sind dabei Einstellungen zu Demokratie, demokratischen Institutionen, politischer Führung und Wettbewerb sowie Vertrauen in andere Menschen.“ Die Ergebnisse legen nahe, dass neben strukturellen Faktoren auch diese individuellen Merkmale in der Korruptionsforschung und bei der Entwicklung von Präventionsmaßnahmen stärker berücksichtigt werden sollten. Moritz Schmid betont aber auch die Relevanz von Vorbildern: „Integre Führungskräfte können eine Kultur stärken, in der Korruption und Regelverstöße deutlich weniger toleriert werden. Integrität beginnt an der Spitze einer Organisation.“





