Überfüllte Praxen, lange Wartezeiten für OPs und Untersuchungen und mangelnde Gesundheitskompetenz der Patient*innen: Das österreichische Gesundheitssystem steht vor Herausforderungen – besonders im Zeitalter einer alternden Bevölkerung. Geforscht wird auch darüber, wie man Hausarztpraxen unterstützen kann, denn gerade diese sind als oft erste Anlaufstelle für Patient*innen überlastet. Medina Hamidovic ist am Institut für Nachrichtentechnik und Hochfrequenzsysteme der JKU tätig und entwickelt im Rahmen eines neuen Projekts den digitalen Erstcheck für Patient*innen namens MIND (Medical Intelligence for Next Generation Diagnostics). „Man kann sich MIND ein Stück weit wie eine personalisierte und weiterentwickelte Version der bekannten Gesundheitsberatung 1450 vorstellen – nur digital und jederzeit verfügbar“, sagt die Wissenschafterin.
Beschwerden eingeben und prüfen
Konkret bedeutet das folgendes: Noch vor einem etwaigen Arztbesuch kann man bei MIND seine Beschwerden eingeben und strukturiert prüfen lassen. „Das System stellt gezielte Fragen zu Symptomen, Vorerkrankungen und möglichen Warnzeichen und hilft dabei einzuschätzen, wie dringend die Situation ist.“ MIND soll für die Patient*innen demnach eine erste Orientierung darstellen. Durch die KI-gestützte Technologie sollen diese etwa einschätzen, ob es reicht, die Symptome zu beobachten oder ob sie eine Hausarztpraxis oder gar gleich ein Spital aufsuchen sollen. „MIND ersetzt keine Ärzt*innen, sondern unterstützt Patient*innen dabei, bessere Entscheidungen im ersten Schritt zu treffen und so das Gesundheitssystem gezielt zu entlasten“, betont Medina Hamidovic.
Atemwegserkrankungen und Hypertonie
Das Projekt fokussiert darauf, Hausarztpraxen zu entlasten. Die Patient*innen, die diese aufsuchen, kommen häufig mit wiederkehrenden Beschwerden. „Dazu zählen vor allem Infektionserkrankungen – insbesondere während der Grippesaison – wie Husten, Fieber, Halsschmerzen oder Schnupfen. Ein weiterer sehr häufiger Bereich ist Bluthochdruck (Hypertonie).“ Daher spezialisiert man sich mit MIND vor allem auf diese Erkrankungen. „Unsere Forschung zeigt, dass viele dieser Fälle – bei richtiger Einschätzung und unter Berücksichtigung von Warnsignalen – sicher von zu Hause aus begleitet werden können. Der Vorteil ist: Diese Beschwerden folgen oft klaren Mustern. Dadurch kann ein digitaler Erstcheck strukturiert einschätzen, welche Fälle unbedenklich sind und welche unbedingt ärztlich abgeklärt werden müssen. So können Patient*innen früh Orientierung bekommen, während gleichzeitig Ärzt*innen deutlich entlastet werden – insbesondere in Zeiten hoher Belastung wie der Grippesaison.“
Made in Austria-Lösung
International gibt es bereits Symptom-Checker und Gesundheits-Apps, viele diese Systeme sind jedoch sehr allgemein gehalten und nicht speziell auf das österreichische Gesundheitssystem ausgerichtet, so die Expertin. „Genau hier setzt MIND an: Wir wollen bewusst eine ‚Made in Austria‘-Lösung entwickeln. Das bedeutet, wir verlassen uns nicht auf internationale Standardlösungen, sondern entwickeln ein System, das gezielt für die österreichische Bevölkerung, unsere medizinischen Abläufe und unsere Qualitätsstandards konzipiert ist. Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und Verlässlichkeit stehen dabei ohne Kompromisse im Mittelpunkt. Diese ‚österreichische Authentizität‘ ist ein klares Merkmal von MIND.“ MIND verbindet mehrere Arten von KI, nicht nur das bekannte Machine Learning, ebenso medizinische Logik und einfache Heimdiagnostik. So sollen Symptome, Gesundheitsdaten und Heimtests zu einer klaren, nachvollziehbaren Ersteinschätzung zusammengeführt werden.
Qualität und Ressourcen
MIND richtet sich also konkret auf die Bedürfnisse der österreichischen Patient*innen und das System stützt sich einerseits auf medizinisches Fachwissen, Leitlinien und die klinische Erfahrung von Ärzt*innen; andererseits auch auf Daten darüber, mit welchen Beschwerden Menschen häufig Hilfe suchen und wie medizinische Entscheidungen in solchen Fällen getroffen werden. „Zusätzlich ist uns sehr wichtig, wie Menschen Fragen verstehen, welche Sprache im Alltag funktioniert und welche Informationen Patient*innen tatsächlich geben können. Ein System ist nur dann hilfreich, wenn es nicht zu kompliziert ist. Deshalb denken wir medizinische Genauigkeit und Verständlichkeit von Anfang an gemeinsam“, erklärt die Medina Hamidovic weiters. Österreich hat ein sehr gutes Gesundheitssystem, aber auch dieses hat mit einigen Herausforderungen zu kämpfen, betont Medina Hamidovic: „Viele Menschen gehen mit Beschwerden direkt zur Hausärztin oder zum Hausarzt und erwarten eine schnelle, unkomplizierte Einschätzung. Gleichzeitig sehen wir steigenden Druck auf das Gesundheitssystem – durch Mangel an medizinischem Personal, eine älter werdenden Bevölkerung und hohe Patient*innenzahlen, vor allem in der Grippesaison. ‚Typisch österreichisch‘ ist also diese Kombination: ein hoher Anspruch an Qualität und schnelle Versorgung, aber gleichzeitig begrenzte Ressourcen im Alltag.“ Das Projekt MIND startete am 1. April 2026 und läuft über zwei Jahre lang. Innerhalb dieser Zeit soll ein Prototyp der KI-gestützten Diagnosetechnologie entwickelt werden. Als nächster Schritt ist eine klinische Version geplant, die dann wirklich in der Praxis mit Patient*innen getestet wird – entweder in einem Folgeprojekt oder als JKU-Spin-off.




